Kriegsgräberstätte Golm
  JBS-Infos     Päd. Angebote     Gastgruppen     Volksbund     Reservierung     Impressum     English Version     Polska Wersja  
Namenstafeln virtuell
Neues Golm-Buch
Forschung
Gräbersuche Online
Gedenkstunden
Swinemünde
Interessengemeinschaft
Begegnung in den USA
Allgemein:
Startseite

Begegnung in den USA

Begegnung zwischen Flieger und Flüchtling nach 61 Jahren: Das Foto zeigt von links nach rechts A. Edward Wilen, Sid Katz und den Verfasser Herbert Weber, Sundernallee 23, 58636 Iserlohn.
Das Bild „Everythingsjake“ zeigt den 4-motorigen Bomber „Liberator“ B 24, von diesem Typ waren 220 Flugzeuge beim Angriff auf Swinemünde dabei.  
Das Bild „Witchcraft“ zeigt ebenfalls einen 4-motorigen Bomber „Liberator“ B 24, von diesem Typ waren 220 Flugzeuge beim Angriff auf Swinemünde dabei. 
Das Bild „JohnUppCrew58“ zeigt die Besatzung des Piloten Leutnant John Upp vor der „Liberator“ B 24.
John Upp and andere der abgebildeten Flieger waren inSwinemünde mit dabei.

Sid Katz wurde für den 12.3.1945 der Besatzung als Radar Operator (RCM) zugeteilt. Er hatte die Aufgabe, mit seinem Störgerät die Wellenlänge des deutschen Radars, das von sogenannten WÜRZBURG-Geräten in Richtung der Flugzeuge ausgestrahlt wurde, zu erfassen und störend zu irritieren. Dadurch wurde die Radar-Zielerfassung deutscher Flugabwehr erschwert bzw. unmöglich gemacht.

Diese drei Bilder wurden der Homepage www.the467tharchive.org von Andy Wilkinson, England, entlehnt.  


Zufall oder Fügung -
eine Begegnung 61 Jahre nach dem Krieg


Herbert Weber, Iserlohn, 1931 in Westhofen geboren und aufgewachsen, wurde Ende Juli 1943 als Mittelschüler in Hagen zusammen mit Mitschülern und dem gesamten Lehrerkollegium zum Schutze vor Bombenangriffen im Rahmen der Kinderlandverschickung (KLV) nach Rügenwalde in Ost-Pommern evakuiert. Dort teilte man sich im Schicht-Unterricht das Schulgebäude mit den einheimischen Mittelschülern. Bei Herannahen der sowjetischen Front verließen viele Schüler vorzeitig ihre Kriegsheimat. Die bis zuletzt Ausharrenden, unter ihnen auch Herbert Weber, erreichten glücklicherweise am 6. März 1945, einen Tag vor dem Einmarsch der Sowjets in die Ostseestadt Rügenwalde (heute polnisch Darlowo), das letzte Schiff, das sie zusammen mit ein paar Hundert anderen Flüchtlingen über die Ostsee nach Swinemünde bringen sollte. Erst am 4. Tag nach Ankern auf der Reede wurden die Schiffsflüchtlinge an Land gesetzt. Die Hagener Gruppe fand ihr Schlafquartier in der mit Stroh ausgelegten Aula des Fontane-Lyzeums in der Roonstraße. Am 12. März 1945 erlebten die Hagener, die einst aus Schutz vor Bombenangriffen ihre Heimat verlassen mussten, doch noch einen Angriff, der tausendfachen Tod über die Stadt an der Swine bringen sollte. Glücklicherweise überlebten die Hagener unbeschadet im Keller des Lyzeums und wurden am Tage danach mit Bussen nach Neubrandenburg gefahren, wo sie ihre Heimreise mit der Eisenbahn – wenn auch nur etappenweise und stets in der Nacht – fortsetzten. Am 16. März 1945 erreichten die Hagener ihre westfälische Heimat.
H. Weber hat sich als Mitglied der Interessengemeinschaft Gedenkstätte Golm über 10 Jahre lang mit der Geschichte und den Dokumentationen um den Bombenangriff auf Swinemünde beschäftigt, mitgeholfen, das Andenken an die Todesopfer, die das Inferno gekostet hat, hochzuhalten und die Erinnerung von Augenzeugen dokumentarisch erfasst. Es ist daraus die Broschüre „Das Inferno von Swinemünde“ (Hrsg. Interessengemeinschaft) entstanden, in der 39 Überlebende über einen grauenvollen und militärisch vollkommen nutzlosen Angriff berichten, der überwiegend nur Zivilisten tötete, die – zum größten Teil namenlos – in den Massengräbern auf dem Golm bei Kamminke/Usedom, der größten Kriegsgräberstätte Deutschlands, ihre letzte Ruhe gefunden haben.

H. Weber berichtet am 22. März 2006:Eine Flugreise führte mich Ende Februar 2006 nach Florida, wo ich in Delray Beach meinen Kindergarten- und Jugendfreund Werner Michel (früher Westhofen) besuchte. Er ist seit fast 30 Jahren in Montreal/Kanada ansässig, verbringt aber von Dezember bis Mitte April Jahr für Jahr seine Zeit im sonnigen Florida, wo er ein eigenes Apartment besitzt.
Wie auch in den Jahren vorher fand auf dem Flughafen von Boca Raton, Florida, nur eine halbe Autostunde entfernt, eine Schau von flugbereiten amerikanischen Bombenflugzeugen aus dem zweiten Weltkrieg statt. In einer Lokalzeitung war auf dieses Ereignis (siehe Notiz) aufmerksam gemacht worden. Veteranen, inzwischen alt gewordene ehemalige Piloten und Besatzungsmitglieder, stellten sich den Besuchern für Führungen und Informationen zur Verfügung.
Auch mein Freund und ich besuchten am 27. Februar diese Flugzeugschau, waren uns doch solche Bombenflugzeug-Typen aus der Kriegszeit, durch deren Überfliegen unseres Landes mit dem Ziel eines Angriffs auf eine deutsche Stadt bestens bekannt. Beim Betrachten dieser Flugzeuge stieg in mir die Erinnerung an das Bomben-Inferno von Swinemünde am 12. März 1945 hoch, an eine schreckliche Stunde, die ich als dort angelandeter Schiffsflüchtling aus Rügenwalde in Ost-Pommern kommend zusammen mit Mitschülern und einigen unserer Lehrer erleben musste.
Wir trafen auf zwei alte Flieger, von denen der eine – A. Edward Wilen aus Boca Raton, Florida, übrigens der Ausstellungsleiter und schon 84 Jahre alt – als Pilot nahe Magdeburg 1944 von deutscher Flak abgeschossen worden war. Er konnte sich mit dem Fallschirm retten und kam in Stargard in Pommern ins Kriegsgefangenenlager, wurde dann aber vor der herannahenden Roten Armee nach Moosburg in Bayern verlegt und dort später von seinen einrückenden Landsleuten befreit.
Ein anderer Veteran, 80 Jahre alt, namens Sid Katz aus Livingston, New Jersey, entpuppte sich als ehemaliger „Radar Operator“ an Bord eines viermotorigen Bombers, der insgesamt 30 Einsätze auf Ziele in Deutschland geflogen hatte. Bei meiner Frage nach den angegriffenen Städten nannte er Magdeburg, Kassel usw. und kam schließlich zu einer Schilderung, die ihn offensichtlich belustigte.
Eines Morgens wäre in aller Herrgottsfrühe beim Einsatzbefehl für ein neues Bombenziel der Name „Schweineminde“ gefallen. Das Aussprechen dieses Städtenamens hätte so jiddisch und somit so komisch geklungen, was ihm als Juden besonders aufgefallen wäre. Ich vergewisserte mich und konnte klarstellen, dass es sich um Swinemünde an der Ostsee und um einen Montag im März 1945 gehandelt hatte.

Meine Verblüffung war riesig. Mein Freund und ich sahen uns an und ich sagte spontan zu Mr. Katz: „You bombed me, but I survived and I could escape!“ Du hast mich bombardiert, aber ich überlebte und konnte entkommen!
Er ergriff meine Hände und wir schauten uns lange in die Augen! Ich musste also nach Florida reisen und hier ganz zufällig einen Menschen treffen, der mitgeholfen hatte, nicht nur mir während des Angriffs im Keller des Fontane-Lyzeums in der Roonstraße die angstvollsten 70 Minuten in meinem damals 14 Jahre jungen Leben zu bereiten, sondern auch tausendfachen Tod über Swinemünde zu bringen, abgesehen von den vielen Verwundeten, den seelisch Verletzten und den enormen materiellen Schäden und Verlusten. Er wusste nicht, dass der Angriff am 12. März 1945 über 20.000 Menschenleben gekostet hatte, und seine Stellungnahme dazu, die schon ein gewisses Bedauern erkennen ließ, fasste er in dem Satz zusammen: Ich war damals 19 Jahre alt und hatte meine Pflicht zu tun!
Er berichtete, dass der Angriff auf Ersuchen der Sowjets erfolgt sei und die umfangreiche Bomber-Formation (671 viermotorige Bomber, die 1.609 Tonnen Bomben abwarfen) durch eine verhältnismäßig zahlreiche Jagdflugzeug-Eskorte (412 einmotorige P 51- Mustang) begleitet worden wäre. Man hätte trotz des Niedergangs der deutschen Luftabwehr in dieser Endphase des Krieges Angst vor deutschen Jagdflugzeugen gehabt und deshalb wäre auch dem Begleitschutz aufgegeben worden, immer in Flughöhe mit den Bombern zu bleiben. Er schloss nicht aus, dass vereinzelte Begleitjäger diesen Befehl ignoriert und wahrscheinlich auch ein paar Tiefangriffe durchgeführt hätten.
Ich habe von Sid Katz Angaben über seine Einheiten und deren Bezeichnungen erhalten und nach meiner Rückkehr in meinen Unterlagen feststellen können, dass seine Zugehörigkeit zur 8th USAirforce, 2nd Air Division, 467th Bomb Group beim Angriff auf Swinemünde zutreffend ist.
Er erzählte mir, dass er viele Reisen nach Europa nach dem Kriege unternommen hätte, aber nie nach Deutschland gekommen sei. Ich habe es mir versagt, ihn nach dem Grund zu fragen. Vermutlich hat es mit den Folgen der Judenverfolgungen im Dritten Reich zu tun.
Wir haben unsere Adressen ausgetauscht, wollen in Verbindung bleiben, und ich werde ihm nicht nur die Broschüre „Das Inferno von Swinemünde“ zusenden, sondern ihm auch andere Unterlagen, u.a. den englischsprachigen Flyer über die Gedenkstätte Golm zu Verfügung stellen und ihn auf einschlägige Webseiten hinweisen.


Druckbare Version